Web 2.0 – Workshop mit W. Schindler

Mai 21, 2008

„Welche Konsequenzen hat der Datenverbleib im Internet für junge Menschen, die sich später für ihre Postings rechtfertigen müssen“

Zusammenfassung des Vortrags und der Thesen Wolfgang Schindler, sowie der Ergebnisse der anschließenden Diskussion

Viele PädagogInnen fühlen sich wie TouristInnen oder MigrantInnen im Web 2.0. Die Medien und Internetkompetenz der jüngeren UserInnen des Internet erschreckt viele Ältere bzw. generiert Respekt seitens der PädagogInnen, LehrerInnen und Eltern gegenüber den als „Eingeborenen“ erscheinenden Jugendlichen, die sich natürlich und intuitiv durch das Web 2.0. bewegen.

Gibt es eine digitale Spaltung in der neuen sozialen Bewegung des Web 2.0.? Und wie stehen Jugendliche in diesem Spannungsfeld von Identitätsbildung einerseits und Gefahr des unwiderruflichen Einschreibens persönlicher Information in die virtuellen Welt? Gehört es nicht dazu als Jugendlicher in einer Community, sei sie real oder digital, auch einmal peinliche Dinge zu tun, sich selbst auszuprobieren, zu übertreiben? Oder sind Texte, Fotos und Chatprotokolle Brandmarken fürs Leben, die später, zum Beispiel in der Situation des Bewerbungsgesprächs negativ auf die/den Betroffene/n zurückfallen? Gibt es eine Kluft zwischen Jung und Alt hinsichtlich der Sensibilisierung des Datenaustauschs und des Umgangs mit persönlichen Daten und Privatssphäre? Sind Ebay, Second Life, My Space, Facebook, Studi- oder Schüler- VZ gefährlich oder etwa bereichernd? Die Frage der Vor- und Nachteils der gegenwärtigen Entwicklungen kann man kontrovers diskutieren. Es ist bestimmt wichtig für Jugendliche sich zu inszenieren, präsentieren und ihren Gefühlen durch verschiedene Möglichkeiten im Web Ausdruck und Ventil zugeben… Chatten gegen Liebeskummer, Fotos austauschen beim online Date. Doch was ist mit Nacktfotos im Web? Kann man diese und ähnliche Entwicklung gar als Liberalisierung sehen?

Interessant wird hier die Rolle der MedienpädagogInnen. Computer und Internet können die Kluft zwischen denen, die in anregenden Lernumgebungen aufwachsen und den anderen, die mit dem Fernsehapparat als Babysitter ruhig gestellt wurden, verstärken. Die Kluft besteht nicht nur zwischen Jugendlichen verschiedener Erfahrungsniveaus, sondern zwischen Alt und Jung, Lehrer und Schüler. Ein möglicher Umgang mit der augenscheinlichen Web 2.0.- Kompentenz-Kluft ist: Statt Angst vor der eigenen Inkompetenz oder Unwissen über die Welt des World Wide Webs zu haben, sich im Austausch mit den Jüngeren über die Möglichkeiten und Erfahrungen zu bereichern.

Für die PädagogInnen heisst dies auch „diversitiy management“ zu betreiben, das bedeutet die Unterschiedlichkeit der Medienkompetenz zu erkennen und entsprechend zu fördern und sich über die Gefahren und Erfahrungen im Internet auszutauschen. Denn wie gerechtfertigt ist die Angst der Älteren über die Freizügigkeit der Jugend wirklich, bzw. wie naiv und unverblümt unvorsichtig ist die Jugend wirklich? Es kann wohl keine klare Antwort oder Handlungsrichtlinie bezüglich der Sozialisation und dem einhergehenden Datentransfers im Web festgelegt werden, zumal die Entsagung des Webs als Option unmöglich erscheint.

Nötig ist, die Computerkultur weiterzuentwickeln, gemeinsam mit Jugendlichen, aber auch allein, um kompetent zu werden bei der Begleitung von Menschen, die mit Aufgaben und Berufen konfrontiert sein werden, die es heute zum Teil noch gar nicht gibt.

Eine andere Frage zum Einsatz von Computern in der Erziehung ist, wie man mit digitalen Medien, zum Beispiel in Form des e-learning im Unterricht umgeht und welche Prozesse dabei generiert werden. Der ChaosComputerClub hat damals schon Computer als Strukturverstärker analysiert – wie recht er hat, zeigt der Blick auf eine Software, die in Schulen gerne genutzt wird. Wie kann die Pädagogik der Digitalen Medien aussehen? Sind Computer Nürnberger Trichter, damit die Pädagogik der Instruktion endlich richtig kontrollierbar wird? Nach dem Motto: Die Gesellschaft und /oder die Kirche legen das Curriculum fest, der Pädagoge bekommt mit den PCs endlich die Mittel dazu in die Hand, den Menschen das „einzutrichtern“, wovon andere denken, es sei gut / wichtig für sie. Das Ganze hieß in den 80er Jahren „Computer-Aided-Instruction“.

Denn: „Träges Lernen“ wird hier produziert, bulemisches Lernen, das krank macht, aber nicht schlauer und gebildeter. Wer Computer so einsetzt, handelt folgerichtig im Rahmen seines Menschenbildes und nutzt die Computertechnologie als das, was sie im Kern auch ist: eine Kontroll-Technologie.

Wird beim e-learning die Autorität des Dozenten, oder des Unterrichtsinhalts unterbunden, indem andere Tätigkeiten während des Unterrichts ausgeführt werden? Oder bedeutet die Verlinkung im Netz auch die Möglichkeit zur individuellen Vertiefung des Unterrichtsinhalts? Kann hier auch die Chance gesehen werden, die Autorität und den Wahrheitsanspruch des Lehrers/ der Lehrerin kritisch beleuchten zu können?

Wie ist das Bewusstsein der verschiedenen Generationen über den Informationsfluss und die Gefahren der persönlichen Daten?

Der Diskurs über Datenaushorchung, über die Weitervergabe von Daten und den Eingriff des Staates auf die Privatssphäre, bzw. auf die Daten wurde jüngst mit dem Begriff Stasi 2.0. in Verbindung gebracht. Ein Begriff, der auf die neusten Entwicklungen der Beschneidung der Rechte der Bürger anspielt. Die öffentliche Aufmerksamkeit wurde so groß, dass am Ende der Auseinandersetzungen darum, wie gläsern die Bürger für den Staat sein müssen, das Bundesverfassungsgericht ein neues Recht definierte:

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es bestimmt im Kern, dass dort soziale und juristische Barrieren errichtet werden müssen, wo der Fortschritt der Technik nun weitreichende Kontrolle und Überwachung ermöglich würde, an die vorher nicht zu denken war.

Die Angst vor dem unzulänglichen und unkontrollierten Weiterverbrauch unserer Daten oder den Daten von Jugendlichen spiegelt sich in der Geschichte einer amerikanischen Lehrerin wider, welcher die Aufnahme zum Lehramt verweigert wurde, da die zuständigen Behörden unvorteilhafte Partypics gefunden haben. Eine Geschichte, die Angst generiert und nicht zuletzt die Vorurteile über die Gefahr des Informationsfluss im Internet bestätigt. Selbstkritisch ist festzuhalten, dass die wieder auflebende Kritik an der staatlichen Datensammelleidenschaft nicht aus den Reihen der Pädagogik stammt, sondern einerseits von jungen Leuten, die das Netz nutzen und zum anderen von Menschen, die erlebt haben, wohin es führt, wenn der Staat jeden seiner Bürger fürsorglich überwacht und bevormundet.

Einigkeit herrscht in der Diskussion, dass das Auseinandersetzen mit digitalen Medien in der Erziehung als auch im privaten Bereich in jedem Falle wichtig ist und in diesem Prozess auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten als etwa kreatives Subjekt oder doch passives, konsumierendes Objekt reflektiert werden sollte. Wobei hier nicht die Regel gilt, dass digitale Medien (im Unterricht) das Non-Plus-Ultra sind. Das pädagogische Konzept bzw. die Handungsmöglichkeiten die zur Mündigkeit der Jugendlichen führen, ist in jedem Fall der Schlüssel, um (ver-)alte(te) Strukturen zu brechen und neue Formen des demokratischen Lehren und Lernens zu bewerkstelligen. Denn Computer sind wie Beton: was man draus macht zählt und nicht die Technik an sich.

Die soziale Bewegung Web2null kann auch als Lernplattform für die Auseinandersetzung und Aneignung einer Errungenschaft der Elterngeneration gesehen werden: dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Wer nachlesen will: http://mac2null.de

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  • 1. Wolfgang Schindler  |  Mai 23, 2008 at 8:17

    Vielen Dank an die Protokollantin in unserem Workshop!
    Für mich als Referenten ist natürlich erfreulich, dass so viele Aspekte meines Vortrags und aus der anschließenden Diskussion hier wieder auftauchen :-)

    Wer noch Lust auf mehr und ein paar Details hat: unter

    http://www.josefstal.de/mac/texte/

    sind einige Aufsätze samt der dazu gehörigen Literatur verlinkt.

    Antworten

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